Habt ihr schon mal einen Unfall beobachtet – oder seid Zeuge eines Unfalls geworden? Dann stehen die Chancen gut, dass euer Gehirn euch einen Streich gespielt hat. 

Zeugen

Und der geht so: Ihr hört einen Knall, ein Geräusch, das offensichtlich zu einem Unfall gehört. Ihr dreht euch um und seht das Ergebnis des Unfalls. Mit dem Knall hat der Unfall ja bereits stattgefunden. Aber: Ab dem Moment glaubt ihr, den Unfall beobachtet zu haben. In der Psychologie und der Kriminalistik würde man euch darum „Knallzeuge“ nennen. Ihr habt nämlich nur den Knall wahrgenommen – klar dass der von einem Unfall verursacht wurde – aber das Geschehen nicht direkt beobachtet, glaubt das aber. 

Es ist nicht mal böswillig gemeint von euch. Es ist völlig normal und bekannt, dass unser Gehirn gern alles gradlinig, komplett und leicht erklärbar haben möchte. Das Gehirn füllt also die Lücken (das Unfallgeschehen), damit sich ein stimmiges und vollständiges Bild ergibt. 

Was hat das aber mit der Dysphagie zu tun?

Dysphagie

Vergleichen wir mal so einen Unfall und eine klinische Schluckuntersuchung. Bei einer Untersuchung des Schluckaktes nur auf Basis der sich zeigenden Klinik wollen wir herausbekommen, wie es um den Schluckakt unserer Patientinnen und Patienten bestellt ist. Klinik heißt in dem Fall alles, was sich als mögliche Reaktion zeigen kann: Husten, Räuspern, Sättigungsabfälle, vegetative Reaktionen, ein Speichelfluss ex ore, aus der Nase rinnender Kaffee, Würgen… Alles, was man sich halt so anschaut, wenn man das Schlucken nicht selbst beobachten kann. Wie wichtig, relevant und aussagekräftig diese klinischen Parameter sind sei an dieser Stelle man dahin gestellt. Für unsere Betrachtung haben sie alle etwas gemeinsam: Sie sind der Knall. 

Wie die Knallzeugen bei einem Unfall sind wir bei einer klinischen Schluckuntersuchung nur Knallzeugen einer Störung der Sicherung der Atemwege und / oder einer Störung der Effektivität des Bolustransports. Wie es dazu kam sehen wir nicht, wir erahnen es nur.

Logopäden sind Spezialisten

FEES betrachten

Klar ist, dass wir Dysphagiologinnen und Dysphagiologen aus dem Knall, also dem klinischen Bild, Rückschlüsse auf das Ereignis ziehen können. In Relation zu unseren Anamnesedaten, unserem Wissen über Pathologien und unserer Erfahrung können wir Aussagen treffen über die Ursache, die mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit auch zutreffen. Nun ist der Schluckakt ein sehr komplexer Vorgang. Selbst unter Logopädinnen und Logopäden wird dabei vieles unterschiedlich gewertet oder definiert. Der Zeitpunkt der Reflextriggerung ist zum Beispiel nicht mal eindeutig definiert. Das macht es uns und unserem Gehirn doppelt schwer, die Ursache des Knalls zu beschreiben ohne sie gesehen zu haben.

Also selbst mit viel Erfahrung und Wissen sind wir eben nur Knallzeugen, wenn wir eine klinische Schluckuntersuchung durchführen. Und liegen halt auch schon mal mal derbe daneben: Eingedickte Getränke gehen mit einer teils höheren Auftretenswahrscheinlichkeit von stiller Penetration und Aspiration einher im Vergleich zu uneingedickten Flüssigkeiten. Hier fehlt der Knall und wir schließen daraus, dass es keinen Unfall gab. 

Dass ein passendes Fazit jetzt wäre, dass wir mehr Dashcams in der Dysphagiologie brauchen – also mehr Bildgebung – ist keine Überraschung. Wichtiger aber ist doch, dass wir uns in der Bewertung klinischer Schluckuntersuchung und im Reflektieren unseres Handels immer wieder daran erinnern, dass wir wohl auch nur Menschen sind, die sich von ihrem eigenen Gehirn, ihrer eigenen Wahrnehmung austricksen lassen. Das Wissen um die Physiologie hilft uns auch, ein vollständiges Bild auf Basis eines Knalls zu generieren.

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