Ziele der Dysphagie-Therapie

Schon im Studium der Logopädie lernen angehende Logopädinnen und Logopäden, dass die Behandlung einer Dysphagie etwas besonderes darstellt. Man solle der Herausforderung mit Respekt begegnen und es gelte, die Patientinnen und Patienten zu schützen. Mit ein paar Jahren Berufserfahrung erlaube ich mir zu sagen: großer Fehler!

Es stimmt, die Dysphagie ist eine besondere Herausforderung. Zunächst einmal für die Patientinnen und Patienten. Ein Vorgang, der bisher immer weitgehend unbeachtet und automatisch ablief, erfordert plötzlich sehr viel Aufmerksamkeit. Ein Vorgang, der dem Schutz der unteren Atemwege dient, erfüllt diese Aufgabe plötzlich nicht mehr. Besonders ist, dass diese neue Herausforderung für die Patientinnen und Patienten nicht immer sehr präsent ist und sich Komplikationen nicht immer deutlich zeigen.

Logopädie versus Patient?

Wenn sich unsere Patientinnen und Patienten ein Bein brechen, dann sind die Einschränkungen, die sich daraus ergeben deutlich spürbar. Ignoriert man die Einschränkungen, spürt man das sofort: es tut weh. Bei einer Dysphagie ist das oft anders. Zwar berichten Patientinnen und Patienten unter Umständen, dass sie häufiger Husten oder dass sich eine Lungenentzündung entwickelt hat. Aber dies oftmals erst auf sehr konkretes Nachfragen, denn direkt in Verbindung mit einer Dysphagie werden die Einschränkungen nicht immer gebracht. Manche Patientinnen und Patienten haben eine bessere Wahrnehmung für Probleme, die sich durch eine Dysphagie ergeben – und reagieren instinktiv besser. Sie reduzieren die Häufigkeit der Nahrungsaufnahme, passen von sich aus Konsistenzen an und ändern ihre Körperhaltung bei den Mahlzeiten. Eine bessere Wahrnehmung für die Auswirkungen einer Dysphagie produziert also deutlich besseres Verhalten.

Wenn man Studierende der Logopädie fragt, was typische Ziele in der Dysphagie-Therapie sind, dann werden vor allem die Menge an geschluckter Nahrung genannt und die Verbesserung von Kraft der Zunge und der Rachenmuskulatur. Bei nur rund 20 Unterrichtseinheiten zum Thema Dysphagie und den Grundlagen des Schluckens ist das nicht schlecht, aber es ist eben auch nicht richtig. 

Im Austausch mit anderen Logopädinnen und Logopäden werden diese Ziele aber auch noch Jahre nach dem Studium genannt. Sie werden konkreter formuliert, aber im Grunde sind es Kraftübungen, Kostanpassungen und Kompensationsmaßnahmen. Das ist mit Blick auf den Alltag an Kliniken und in Praxen nicht schlecht, aber es ist eben auch noch immer nicht richtig.

Nachhaltige Ziele

Wenn es diese Ziele wären, die primär in der Dysphagiologie gelten würden, ist es kein Wunder, dass viele Patientinnen und Patienten sich in der Klinik oder Therapie an bestimmte Maßnahmen halten – es zuhause aber nicht mehr tun. Dies wiederum mit der Konsequenz, dass Logopädinnen und Logopäden sich „rechtlich absichern wollen“, wie sie sagen. Das Problem: Logopädinnen und Logopäden haben gar nicht die Kompetenz einem Patienten vorzuschreiben, was er essen oder trinken darf und schon gar nicht, was er nicht essen oder trinken darf. Wozu also eine solche „Absicherung“. Vielleicht sind es die selbst gesteckten Ziele, die vermeintlichen Therapieziele, die uns den Blick versperren.

use it, or lose it!

Die Ziele der Dysphagie-Therapie sind nicht die Verbesserung der Zungenkraft, die Verbesserung der Larynxelevation, die Kräftigung des Hustens oder die Stimulation mit Eis. Das sind alles Methoden um das Schlucken sicherer und erfolgreich zu machen, den beiden Aufgaben des Schluckaktes. Schlucken lernt man durch Schlucken – oder wie es eigentlich heißt: use it or lose it. Wir machen das Schlucken sicherer und erfolgreicher, damit es häufiger sicher und erfolgreich ablaufen kann.

Ziel: Autonomie

Wir sind in der Logopädie von der Mitarbeit unserer Patientinnen und Patienten abhängig. Sie müssen sich an bestimmte Maßnahmen halten, damit unsere Therapie auch einen Effekt hat. Dafür müssen sie diese aber nachvollziehen können. Dass ein Gips ein probates Verfahren bei einem Knochenbruch ist, können viele nachvollziehen. Dass aber eine veränderte Textur oder eine andere Kopfhaltung eine probate Reaktion auf bestimmte Probleme bei einer Dysphagie ist, müssen wir immer wieder erklären. Und genau das muss unser wichtigstes Ziel in der Dysphagie-Therapie sein: Autonomie.

Haben unsere Patientinnen und Patienten genügend Informationen um Entscheidungen zu treffen (die uns gefallen)? Haben unsere Patientinnen und Patienten genügend Wissen um Husten, Bolusgefühl, Fiber und andere Symptome mit ihrer Dysphagie in Verbindung zu bringen? 

Oft ist es gar nicht wichtig, sie mit Fachbegriffen zu quälen. Biofeedback ist ein ebenso gutes Mittel, um den Patientinnen und Patienten zu helfen, richtige Entscheidungen zu treffen. Wie in der Stottertherapie: erst Identifikation, dann Modifikation. 


4 Kommentare

  1. Cordu Cordu 27. Mai 2021 at 20:38

    Fein geschrieben. Auf den Punkt. Möchte noch hinzufügen: Üben macht nicht satt.

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  2. Harald 10. Jun 2021 at 08:48

    MEINE WORTE! DANKE FÜRS AUFSCHREIBEN!

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