Dysphagie und Lagerung

Ich war in Köln auf einer Tagung zum Thema Dysphagie – mit dem Schwerpunkt Geriatrie und möchte in einer Serie von Blog-Einträgen meine Erfahrungen und Erkenntnisse mit euch teilen.

In diesem Eintrag soll es um die Lagerung bei den Mahlzeiten von Patienten mit Schluckstörung gehen. Meine eigenen Erfahrungen als Dozent in der Fortbildung von Pflegenden und warum die aktuelle Situation unbefriedigend ist.

Bestandsaufnahme

Warum die Lagerung der Patienten so wichtig ist, wurde auf der Tagung in Köln sehr ausführlich besprochen. Auch ich lege bei meinen Fortbildungen und Vorträgen immer sehr viel Wert auf eine optimierte Lagerung der Patienten mit Schluckstörung zu den Mahlzeiten bzw. zum Anreichen von Nahrung allgemein. Und immer an dieser Stelle kommt unweigerlich die Rückmeldung der pflegenden Berufsgruppen: „Das können wir nicht leisten, dafür haben wir keine Zeit!“

Bisher hatte ich für diese Aussage Verständnis, konnte zumindest nachvollziehen, dass die Situation in der Pflege personell oft katastrophal ist, dass die Pfleger und Krankenschwestern tatsächlich keine Zeit haben, die Patienten in eine angemessene Sitzhaltung zu bringen.

Es kristallisiert sich aber auch schnell heraus, dass Kompromissvorschläge meinerseits eher nur halbherzlich aufgenommen, teils nicht mal Diskussionen gewünscht werden. „Das geht nicht.“ – Oft ist an dieser Stelle aus Sicht der Pflege alles gesagt.

Heute hatte ich eine interessante Diskussion mit Ärzten der Geriatrie: Die wissen auch um die schwierige Situation in der Pflege in Heimen und noch mehr in Krankenhäusern. Aber sie haben – und tatsächlich stimme ich da zu – die Meinung, dass diese Pflegenden dann den falschen Beruf haben. Das klingt unfair, aber ich glaube es ist richtig.

Die Richtung der Entwicklung im medizinisch-therapeutischen Bereich und in der Krankenpflege ist klar: Es geht hin zu einer Akademisierung der Ausbildung, hin zu mehr Wissen und mehr Kompetenz. Aber mehr Kompetenz geht auch einher mit mehr Verantwortung.

Das ändert aus heutiger Sicht nicht sofort die Tatsache, dass Pflegende tatsächlich keine Zeit haben, die Patienten bei der Nahrungsaufnahme ordentlich zu lagern, aber es gibt ihnen Werkzeuge in die Hand, diese zu Grunde liegende Überlastung in Zahlen zu übersetzen und dann den Verantwortlichen zu präsentieren. Ich hoffe sehr darauf. Bis dahin stelle ich mich weiter darauf ein, dass ich Rückmeldungen wie die oben genannte bekomme. Aber in den nächsten und folgenden Fortbildungen und Vorträgen werden ich langsam dazu übergehen, meine momentane Meinung immer deutlicher zu sagen. Für die Patienten in den Krankenhäusern in diesem Land bedeutet das weiterhin, dass enterale Ernährung vermehrt zum Einsatz kommt und für Verwaltungsdirektoren bedeutet dies weiterhin, dass Liegezeiten und komplikationsreiche Verläufe nicht weniger werden.

Dabei ließe sich das vermeiden: Mit ein paar wichtigen Verhaltensregeln im Umgang mit schluckgestörten Patienten und ein bisschen mehr Sensibilität. Eine der Verhaltensregeln betrifft eben die Lagerung.

Aber warum ist eine optimierte Lagerung der Patienten mit Dysphagie so wichtig?

In der Klinik, in der ich hauptsächlich als Logopäde tätig bin, haben wir uns sozusagen dem Bobath-Konzept verschrieben. Ein Therapie- und Pflegekonzept, das den Menschen zwar eher ganzheitlich im Blick hat, aber dabei auf ganz basale Prozesse eingeht, diese in die Planung einbezieht und sich diese zu Nutze macht.

Und aus eben diesem Konzept kommt folgende Erkenntnis:

Je höher die Auflagefläche bzw. Kontaktfläche des Körpers ist, desto geringer der Tonus also die Körperspannung.

Wenn man das in ein Bild übertragen würde, dann vielleicht dieses: Eine Balletttänzerin auf den Zehenspitzen hat eine sehr geringe Auflagefläche des Körpers – genau genommen nur die Zehenspitzen. Und sie hat einen sehr hohen Körpertonus, eine sehr hohe Körperspannung. Diese benötigt sie für ihre Figuren. Auf der anderen Seite kennt jeder von uns die größtmögliche Entspannung, die man am ehesten erreicht, wenn man flach auf dem Rücken oder auf dem Bauch im Bett liegt. Hier hat man mit sehr vielen Regionen des Körpers Kontakt mit der Auflagefläche und eine weitgehend reduzierte Körperspannung.

Soweit der Zusammenhang zwischen Körpertonus und Kontakt zu Auflagefläche. Welchen Tonus wünschen wir uns für die Nahrungsaufnahme?

Mit euton, also in einem ausgeglichenen Verhältnis ließe sich der gewünschte Zustand am besten beschreiben. Sowohl ein Hypertonus als auch ein Hypotonus sind nicht ideal. Allerdings sind bei dem typischen Patientenklientel mit Dysphagie häufig Prozesse zu beobachten, die Fehlspannungen zur Folge haben. Hier lässt sich mit Lagerung und Mobilisation gegensteuern und die Situation optimieren, damit superio-anteriore Bewegungen des Larynx schneller und vollständiger ablaufen, damit Kopf- und Rumpfkontrolle einfacher, und die Drücke in Pharynx und Ösophagus idealer werden.

Also: Die Lagerung hat einen erheblichen Einfluss auf den Körpertonus und ohne optimierten Körpertonus besteht Aspirationsgefahr.

Und wie lösen wir das Problemchen?

Weiter oben habe ich es schon beschrieben: meiner Meinung nach, ist eine optimierte Lagerung der Patienten für die Nahrungsaufnahme unabdingbar und die Voraussetzung. Wenn dies vom pflegerisch-therapeutischen Team nicht geleitetet werden kann ist die Konsequenz einfach: npo (nil per os = keine orale Kost).

Wenn man Zahlen der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN, Leitlinien zur Dysphagie) und Deutschen Gesellschaft für Geriatrie (DGG) Glauben schenken darf, würde dies direkt zu einer Steigerung der Pneumonien, Verlängerung der Liegezeiten und Erhöhung der Rücklaufzahlen von Patienten führen. Drei Größen, mit denen Verwaltungsdirektoren und Geschäftsführer rechnen können.

Tatsächlich ist dies wieder mal ein Weg, der auf dem Rücken der Patienten beschritten wird. Aber so funktioniert Politik und so funktioniert Gesundheitspolitik im Besonderen. Schade, gell?!

1 Kommentar

  1. Nicole Götze 17. Apr 2013 at 13:12

    Sehr geehrter Herr Fillbrandt,
    wir sind ein Weiterbildungsunternehmen mit Verwaltungssitz in Torgau (Sachsen) und planen zurzeit unser Programm für 2014. Weiterbildungen in den Bereichen Ergotherapie, Logopädie, Physiotherapie, Pflege und Podologie bieten wir bundesweit an. Ich bin die Bereichsleiterin für die Pflege und habe ständigen Kundenkontakt. Unsere Teilnehmer vermissen momentan folgende Seminare im Programm:
    – Dysphagie
    – Trachealkanülmanagement
    – Mundpflege
    Auf der Suche nach entsprechenden Fortbildungen bzw. Dozenten habe ich Sie im Internet gefunden. Können Sie sich vorstellen, auch bei uns Weiterbildungen durchzuführen? Wichtig ist, dass die Seminare für Pflegekräfte bestimmt sein sollen – nicht Logopäden.

    Über eine positive Rückantwort würde ich mich sehr freuen.

    Mit freundlichen Grüßen

    Heimerer Akademie GmbH

    Nicole Götze

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