Beiträge zum Hashtag Patienten

Stomapflege und Cuff-Druck im häuslichen Umfeld

Die Zeiten ändern sich. Immer häufiger werden Patienten mit einer Trachealkanüle auch in das häusliche Umfeld entlassen. Daraus ergeben sich für die Angehörigen aber auch die beteiligten Berufsgruppen – insbesondere die Fachpflege – Herausforderungen. Diese Herausforderungen sind der Umgang mit den Patienten, der Umgang mit der Trachealkanüle und unter Umständen dem Beatmungsgerät. Unter Umständen? Die Einschränkung mag überraschen, aber Trachealkanülen werden nicht nur bei Patienten eingesetzt, die auf ein Beatmungsgerät angewiesen sind.

Weiterlesen

Erst Rehabilitation, dann gefangen

Es gibt im Leben eines Therapeuten Momente, da verzweifelt man. Wenn man einen Patienten behandelt, aber sich einfach keine Fortschritte einstellen wollen – ohne dass man das verstehen könnte. Es gibt aber auch Momente, da zweifelt man an anderen. Ein Erlebnis mit einem Patienten und seiner Weiterversorgung lässt mich am Verstand mancher Pflegeeinrichtungen zweifeln.

Ein älterer Patient. Ende 60 mit einem Infarkt. Auf der Stroke Unit habe ich den Patienten erstmals kennen gelernt. Wirklich kontaktfähig war er nicht und durch bloßes Hören konnte man erkennen, dass der Schluckakt erheblich gestört war. Eine fiberendoskopische Schluckuntersuchung bestätigte einen Dysphagie-Score von 6 nach dem Münsteraner Schema – stille Aspiration von Speichel mit einer erheblichen Vigilanzminderung. Nach einer intensiven Diskussion der Untersuchungsergebnisse und einer ersten Prognose haben wir uns entschieden, den Patienten mit einer Trachealkanüle zu versorgen.

Zum Glück konnten wir ihn, nennen wir ihn Herrn Mayer, schnell auf die Intensivpflegestation übernehmen und mit der Rehabilitation beginnen.

Ziel: Entlassung

Ab sofort standen Mobilisation, basale Stimulation und therapeutisches Entblocken auf dem Plan. Fortschritte machte Herr Mayer in kleinem Rahmen. Nach und nach besserte sich die Vigilanz, immer besser tolerierte er die Entblockungsphasen. Die Wochen gingen ins Land. Da Herr Mayer aber sichtbar von der Rehabilitation profitierte, waren wir alle im interdisziplinären Team zufrieden.

Das Ziel war nicht, Herrn Mayer nach Hause zu entlassen. Das war von Anfang an unrealistisch – aber das Ziel ihn zu oralisieren und mit dem Rollstuhl in begrenztem Rahmen zu mobilisieren hatten wir zu Beginn der Therapie, und haben es erreicht.

Besser gesagt: Herr Mayer hat das Ziel erreicht. Zum Ende der Rehabilitation konnte er unter Zusicht alle Konsistenzen zu sich nehmen, saß fast den ganzen Tag im Rollstuhl und konnte mit Hilfe der Klingel Hilfe anfordern und sich mit Zeitschriften, Fernsehen und Musik selbst beschäftigen. Für seine Ausgangslage hatte er eine Menge erreicht.

Suche nach einem Pflegeheim

Die Phase der stationären Therapie ging also dem Ende entgegen. Gesucht wurde ein Platz in einer Pflegeeinrichtung in der Herr Mayer seine wiedererlangte, teilweise Selbständigkeit erhalten und vielleicht sogar ausbauen können sollte.

Ein Heim bekundete sein Interesse – Kapazität war vorhanden – und um sicher zu sein, wurden zwei Pflegekräfte zu uns in die Klinik entsandt, um Herrn Mayer kennen zu lernen und um abzuschätzen, ob er als neuer Bewohner in Frage kommt.

gefangen

Das dicke Ende nach der Entlassung

Soweit also alles wie immer, soweit alles nichts besonderes. Herr Mayer wurde in das Heim entlassen und seinen Platz bei uns übernahm ein neuer Patient – um seine Rehabilitation zu beginnen.

Zwei Wochen später berichtete dann ein Mitarbeiter eines Sanitätshauses über seinen Besuch bei Herrn Mayer. Er war bei ihm, um den von uns verordneten Pflegerollstuhl zu liefern und erlebte eine Überraschung. Das Zimmer von Herrn Mayer lag im dritten Stock – ohne Fahrstuhl, nur mit Treppenlift. Zudem passte der Pflegerollstuhl nicht durch die Tür zu Herrn Mayers Zimmer. So wurde der Rollstuhl im Flur demontiert und im Zimmer wieder zusammengebaut.

Ernsthaft: Herr Mayer ist jetzt in einem Pflegeheim in einem Zimmer eingesperrt, weil der Rollstuhl nicht durch die Tür passt und er eh nicht ins Erdgeschoss und damit nach draußen kann.

Ich stelle mir nun zwei Fragen: Warum ist das den Pflegekräften nicht aufgefallen, als sie Herrn Mayer besucht haben und warum hat so ein Haus eine Zulassung als Pflegeeinrichtung?

Das sind die Momente, in denen ich an anderen zweifle und denke: „das ist nicht zu glauben!“

Warum die Fernseher in Patientenzimmern nicht oben hängen sollten.

Das Klinikum Osnabrück – mein Arbeitgeber – baut ein neues Rehabilitationszentrum. Ausgestattet mit Stationen für Geriatrie, Palliativ und viel Neurologie geht der Bau voran. Nun geht es um die Ausgestaltung der Patientenzimmer und Therapieräume.

Der Baufortschritt der Einhäusigkeit des Klinikums Osnabrück. (Aufgenommen am 6.8.2012)
(c) Klinikum Osnabrück GmbH

Im Rahmen der Ausgestaltung der Patientenzimmer kam mir eine Idee die vielleicht nicht neu, aber doch einleuchtend ist.

Wenn man sich so ein Zimmer anschaut, in dem Patienten ihren Aufenthalt in der neurologischen oder geriatrischen Rehabilitation verbringen, dann findet sich eigentlich immer ein Fernseher darin. Und dieser hängt meisten oben rechts oder links in der Ecke. Ist leicht nach unten geneigt.

Ich habe mir im Vorfeld der Planung den Spaß erlaubt und meine Dysphagie-Patienten mal beobachtet, wie sie fernsehen. Gemütlich in einen Rollstuhl mobilisiert, leicht nach hinten geneigt und den Kopf abgelegt auf die Kopfstütze. Bequem sieht das immer aus. Aber was ist mit der Schluckfrequenz?

Als Logopäde kenne ich die Einflussfaktoren auf die Schluckfrequenz und die Qualität der Bewegungsabläufe. Und ein nach hinten überstreckter Kopf und damit ein deutlich längerer Weg bei der Larynxelevation ist schlecht, fördert sogar Penetration und sorgt postdeglutitiv für Residuen.

Konsequenz: In unserem neuen Rehazentrum werden die Fernseher zentriert an der Wand – in Augenhöhe des Patienten montiert.

Manchmal sind es die kleinen Dinge, die eine Einrichtung besonders machen und ich freue mich sehr, an der Planung beteiligt zu sein!

Nahrungsaufnahme bei Patienten. Vom Wollen und Können.

Wollen und Können – oder warum beides für die Nahrungsaufnahme wichtig ist.

Als Logopäde in einem großen Krankenhaus werde ich oft von unterschiedlichen Kliniken und Abteilungen gerufen, um über die Kostform von Patientinnen und Patienten zu entscheiden, Schluckversuche zu machen oder um die Aspirationsgefahr einzuschätzen. Bei zwei solchen Konsilen habe ich kürzlich die Erfahrung gemacht, wie unterschiedlich die Situation doch sein kann.

Der eine, der nicht kann

Der erste Patient wollte. Er wollte essen, hatte furchtbaren Durst, konnte aber nicht. Akute Porphyrie mit schweren neurologischen Ausfällen hatte ihn beatmungspflichtig werden lassen. Die Extubation stand zwar an, aber bei meiner Untersuchung zeigte sich, dass nahezu alle Schutzreflexe aufgehoben waren. Kein Würgen, kein Husten, nicht einmal willentlich, keine Sensibilität in Pharynx. Selbst die Kontrolle der orofazialen Muskulatur war nicht möglich. Die Konsequenz: keine orale Nahrungsaufnahme, Tracheotomie zur Aspirationsprophylaxe. Alles andere wäre falsch gewesen.

Er wollte also, konnte und durfte aber nicht.

Der andere, der nicht will

Der Befund war schlimm, aber die Wahrscheinlichkeit, dass der Patient wieder die Fähigkeiten erlangt, alles essen und trinken zu können, ist sehr hoch. Ganz anders der Patient, zu dem ich direkt im Anschluss gerufen wurde.

Dieser Patient konnte, hätte gekonnt. Aber er wollte nicht. Nicht gerade ein typischer Fall für einen Logopäden – trotzdem habe ich mir die Zeit genommen den Patienten zu besuchen. Aber schon nach ein paar Worten war klar, dass ich hier nicht helfen konnte: er wollte nicht mehr, hatte beschlossen nichts mehr zu essen. Ihm war klar, wohin die Reise geht und ich glaube es war gut so.

Bemerkenswert, dass Wollen und Können nicht immer was zutun haben muss mit können und wollen. Wie unabhängig voneinander dies sein kann.

Ich mag meinen Beruf – und besonders meine Spezialisierung auf Dysphagie und Trachealkanülenmanagement – wohl gerade deshalb so sehr, weil man mit so unterschiedlichen Menschen, so unterschiedlichen Wünschen, so unterschiedlichen Konsequenzen zu tun hat.