Fortbildung ist nicht gleich Fortbildung!

Zunächst ein dickes Sorry! In Episode 51 von Iss Nix! habe ich meinem Unmut über die Bereitschaft einiger Logopäd:innen Fortbildungen zu besuchen, wenn es nötig ist, Gehör verschafft. Dafür entschuldige ich mich, gehe jetzt aber sogar noch einen Schritt weiter.

Ausgangslage

Wir Logopäd:innen sind verpflichtet, uns fortzubilden. Das ist in den deutschsprachigen Ländern sehr ähnlich geregelt. Auch wofür es die heiß ersehnten Fortbildungspunkte gibt, ist leicht verständlich festgelegt – sogar wie das mit Online-Fortbildungen rennt.

Man kann es einfach zusammenfassen: Wenn es die Qualität der Patient:innen-Versorgung verbessert, gibt es Punkte, online nur die Hälfte. Aber was ist eigentlich gut für die Qualität unserer Arbeit? Was steigert die Qualität unseres Handelns? Und wichtiger: Was hat keinen Einfluss auf die Qualität unserer Arbeit?

Qualität der Versorgung

Machen wir uns nichts vor: Qualität ist nicht nur innerhalb der Logopädie schwer zu definieren. Bezogen auf Fortbildungen stimmen mir bestimmt viele zu, wenn ich sagen würde, dass ein Seminar zu MODAK die Qualität der logopädischen Versorgung aphasischer Patient:innen verbessern würde. Oder dass ein Kurs zu FOTT die Versorgung dysphagischer Patient:innen auf ein höheres Niveau bringen könnte.

Rezepte sind nicht hilfreich

Aber ist das so? Wird die Qualität meiner Arbeit besser, weil ich auf einem FOTT-Kurs endlich und eindeutig gelernt habe, in welcher Reihenfolge ich eine Quadrantenstimulation durchführe oder dass eine optimierte Lagerung meiner Patient:innen deren Sicherheit bei der Nahrungsaufnahme verbessert?

Ich glaube: Nein!

Besser als das WIE ist das WARUM – bei logopädischen Fortbildungen.

Aus zwei Gründen. Die Qualität einer Fortbildung beurteilen wir selbst nämlich am ehesten anhand der Momente in denen wir den Dozent:innen zustimmten. Sind es derer viele, glauben wir auch den Rest, auch wenn er bei genauerer Betrachtung nicht wirklich überzeugend ist. Außerdem lässt uns ein gewisses Vertrauen, das wir in Dozierende setzen, über Merkwürdigkeiten hinwegsehen. Da irritiert es uns plötzlich nicht mehr, dass uns ein Konzept vorgestellt wird, das garantiert funktioniere und das es uns viel einfacher machen würde und uns so toll unterstützen würde. Am Ende aber heißt es dann kurz, fast überhörbar, dass es nur ein Bonus ist und alles was wir bisher gemacht haben auch wichtig ist. I am looking at you, Taping!

Wissen

Aber wenn es eh nur ein Zusatz ist, über den tatsächlich noch viel zu diskutieren ist und der alles andere als evident ist – steigert eine solche Fortbildung dann die Qualität unserer Arbeit?

Der zweite Grund warum mir Fortbildungen zu einem Konzept übel aufstoßen ist, dass sie alle mehr oder weniger eines gemeinsam haben: sie liefern uns Teilnehmer:innen einen Plan, ein Wie. Sie zeigen uns – geben uns vor – was wir machen sollen. Manchmal auch in welcher Reihenfolge. Aber sie liefern – wenn überhaupt – nur sehr wenig Warum. Klar: Es gibt immer eine Einführung. Toll, wenn mir ein Dozent noch mal schnell erzählt, dass eine faziale Parese mit dem N. facialis zu tun hat und auch noch weiß wo er entspringt. Das erklärt aber nicht, warum da ein bunter Klebestreifen bei der Bewegung helfen soll. Klar: Für mich ist es gefühlt viel einfacher eben einen solchen Klebestreifen oder ein nicht so süßes Eisstäbchen ins Gesicht meiner Patient:innen zu drücken, als ehrlich zu sagen, dass ich nicht weiß ob das wieder besser wird und dass Bewegungen nur vielleicht helfen. Die Qualität meiner Therapien wird durch diesen Einsatz von Placebos nicht besser – trotzdem soll es für solche Fortbildungen Fortbildungspunkte geben?

Die bewusste nicht angeführte Liste an Konzepten, die eher einer Rezeptur a la „man nehme“ gleichen ist lang. Es gibt auf dem Markt unglaublich viele schlimme Themen. Kürzlich habe ich als Chef von sefft.net (aka fobidoo.net aka logofobi.net) eine Fortbildung gelöscht. Thema war Psycho- und Patho-Physiognomik. Ernsthaft angeboten für Logopäd:innen und auch Ergos und Physios. Dahinter steckt die Idee aus der Heilpraktikerbubble, dass ein Blick ins Gesicht einen geschulten Physiognomiker in die Lage versetzt, Krankheiten zu erkennen. Nein, nicht nur faziale Paresen sondern auch psychische und organische. Leider zeigt sich in der Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, dass sich vor allem Rassismus und vergleichbarer Mist auf eben dieses Feld berufen. Darum ist das eine so menschenverachtende Geschichte – aber: Dafür sollte es Fortbildungspunkte geben!

Was denn dann?

Fortbildungen! Klingt irre, ich weiß. Aber ich komme zu meiner Ursprungsfrage zurück: Wie erkenne ich gute Fortbildungen? Dazu gibt es leider keine einfache Anleitung. Aber kann nicht jede und jeder von uns viel besser selbst sagen, was für eine verbesserte Qualität fehlt. Sicher nicht Rezepte wie NFT oder Taktin. Wohl doch aber Wissen. Wissen über die Physiologie und Pathomechanismen. Das sind die Dinge, die uns weiter bringen. Erinnert ihr euch? Als Kinder… was war eure Lieblingsfrage? Ich wette es war „warum?“. Das müssen wir auch heute noch viel öfter fragen und wissen wollen.

Warum kommt es da zu Residuen beim Schlucken? Warum kann die Aphasikerin super nachsprechen aber nicht schreiben? Warum kann Torsten das [s] isoliert aber nicht im Wort? Wir brauchen viel mehr Wissen über Physiologie. Wie öffnet sich der obere Ösophagussphinkter? Was sagt uns das Logogenmodell über die Rezeption und expressive Sprache? Wie verläuft die Lautentwicklung? Dazu brauchen wir dann noch eine vernünftige Diagnostik und kein Screening und wir können unseren Job machen.

Aber halt. Wann fängt unser Job an? Nein, keine Sorge, das spare ich mir für einen weiteren Rant auf! Danke für die Aufmerksamkeit.

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