Geschichten meines Lebens: Treppen

Treppen führen nach oben – oder nach unten. Eine wichtige Treppe in meinem Leben führte nach unten. Und das, obwohl sie aus der zeitlichen Entfernung betrachtet sehr schön war. Ihr Geländer war massiv und verziert, glänzend lackiert mit einem hölzernen Handlauf. Die Treppenstufen waren mit Teppich ausgestattet – was für eine dämliche Idee.

Stellen Sie sich mal vor, Sie arbeiten in der Gastronomie. Als Kellner, bieten Ihren Gästen Getränke und Speisen an. Täglich, viele Stunden. Und machen Umsatz. Einen Teil dieses Umsatzes bekommen Sie dann von Ihrem Chef als Gehalt. Und Sie werden merken: Viel bekommen Sie für Ihre Arbeit nicht, aber das ist Ihnen egal, denn der Beruf macht Ihnen Spaß.

Und wie bei allem, was Spaß macht und erfüllt, möchten Sie, dass es weiter geht. Also nicht nur nicht aufhört, sondern sich entwickelt, weiter entwickelt und wächst.

So war es auch bei mir. Ich war in der Gastronomie tätig und habe gern und viel gearbeitet. Ich war auch gut in dem was ich leistete und erreichte. So gut, dass mein Chef – Sie werden es ahnen – mich nicht verlieren wollte. Aber ich wollte, dass es weiter geht und so haben wir beide unsere Wünsche zusammen gebracht und über meine Karriere gesprochen. Ein klassisches Mitarbeitergespräch.

Die Ausgangslage war ideal. Für meinen Chef bot sich die Gelegenheit ein neues Café zu eröffnen. Neue Gäste für meinen Chef, neue Aufgaben für mich: Geschäftsführer sollte ich werden und mein Können einsetzen um die Gäste in diesem Laden glücklich, zufrieden und satt zu machen.

mein_Leben_Treppe
Nun kann man über Verträge verhandeln und sich dabei einander annähern. Es ist auch möglich, dass man sich eben nicht annähert und es dann keinen Vertrag gibt. Das kann tragisch sein, aber es kann auch gut sein – weiß ich jetzt, zu spät. Wir jedenfalls haben es geschafft, dass er sich seinem Ziel näherte und ich von meinem entfernte – mit einem Gefühl mich zu nähern. Verwirrend? Im Klartext: Mein Chef verpachtete das Café an mich weiter, mit allen Pflichten. Sich behielt er ein paar Recht vor, entscheidende Rechte. Und damit sind wir wieder bei der Treppe.

Ich wurde also kontrolliert selbständig. Für jemanden mit viel Erfahrung und Kompetenz in Beruf, aber mit wenig Erfahrung als Geschäftsinhaber, kam sollte das doch eine gute Lösung sein. Aber das „kontrolliert“ meinte nicht, dass ich es auch selbst schaffe, sondern dass es funktioniert. Ich hatte die Konzession und mein Chef nutzte sie. Zugegeben, als Betreiber eines Cafés war ich stolz wie Oskar. Ich fühlte mich großartig – solange ich nicht darüber nachdachte. Denn wenn ich anfing, darüber nachzudenken, dann begannen auch die Sorgen. Um meine Existenz, meine Freizeit, meine neue Wohnung: das Lager. Sie erkennen den Euphemismus?

Ach ja, die Treppe. Das Café hatte eine Treppe. Die führte nach unten. Unten, das heißt zu den dunklen Ecken, zum Zigarettenautomaten, zum Lager, zu den Kühlhäusern und den Sanitäreinrichtungen. Die Treppe führte also in den Keller. Meiner Wohnung, nachts, wenn das Café geschlossen hatte.

Wenn das Café nicht geschlossen hatte, waren viele andere Menschen dort. Menschen zum Beispiel, die beim Veranstaltungen auf dem Platz Umsatz für meinen Exchef machten. Denn das war der Deal: Mir gehörte das Café und der Platz davor meinem Chef Exchef. Der veranstaltete auf dem Platz gern Konzerte, Feste, Events. Mit vielen Gästen. Gästen, die immer durch mein Café, über meine Treppe gingen. Hoch und runter. Oder besser: erst runter und dann wieder hoch! Unten waren ja die Toiletten. Und so schön das Hochsteigen auf einer Treppe ist, so hinterlässt es doch Spuren. Von Dingen die unten geschehen.

Für jeden nach oben steigenden Gast ging es für mich auf der Treppe nach unten. Toiletten im Keller sind keine gute Idee. Besonders nicht, wenn der Keller unter dem Niveau der Kanalisation liegt. Der Installateur wurde mein bester Freund und ich sein bester Kunde.

Natürlich war nicht die Treppe schuld an meinem Scheitern. Aber als Symbol ist sie es, die mir in Erinnerung geblieben ist. An die Treppe in meinem Café erinnere ich mich immer noch sehr lebhaft. Und bis heute mag ich diese Treppe sehr.

Gelernt habe ich, dass es in keinem Beruf reicht, viel Erfahrung zu haben. Man benötigt Fachwissen, Fachkenntnisse. Weil mir das gefehlt hat, bin ich gescheitert. Ich greife einer wichtigen Erkenntnis vor wenn ich jetzt schreibe, dass ich es jederzeit, trotzdem, genau so machen würde, hätte ich die Chance, mein Leben noch einmal zu führen.

Gelernt habe ich aber auch: Mache nur Dinge in deinem Leben, von denen du überzeugt bist. Mein Intermezzo als Cafébetreiber hat mir sehr viel Spaß gemacht, es hat mich erfüllt. Die Tatsache, dass ich es auch unter den selben Bedingungen wieder machen würde, spricht für sich. Solange es mir Spaß macht und ich einer Berufung folgen kann – mache ich auch Dinge, die zum Scheitern verurteilt sind.


Irgendwie habe ich das verrückte Gefühl, ein bisschen was über mein Leben verraten zu müssen. Aber vielleicht verarbeite ich gerade auch nur Geschichten aus meinem Leben, dem Leben eines Logopäden. Es werden jedenfalls weitere folgen.

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