Erst Rehabilitation, dann gefangen

Es gibt im Leben eines Therapeuten Momente, da verzweifelt man. Wenn man einen Patienten behandelt, aber sich einfach keine Fortschritte einstellen wollen – ohne dass man das verstehen könnte. Es gibt aber auch Momente, da zweifelt man an anderen. Ein Erlebnis mit einem Patienten und seiner Weiterversorgung lässt mich am Verstand mancher Pflegeeinrichtungen zweifeln.

Ein älterer Patient. Ende 60 mit einem Infarkt. Auf der Stroke Unit habe ich den Patienten erstmals kennen gelernt. Wirklich kontaktfähig war er nicht und durch bloßes Hören konnte man erkennen, dass der Schluckakt erheblich gestört war. Eine fiberendoskopische Schluckuntersuchung bestätigte einen Dysphagie-Score von 6 nach dem Münsteraner Schema – stille Aspiration von Speichel mit einer erheblichen Vigilanzminderung. Nach einer intensiven Diskussion der Untersuchungsergebnisse und einer ersten Prognose haben wir uns entschieden, den Patienten mit einer Trachealkanüle zu versorgen.

Zum Glück konnten wir ihn, nennen wir ihn Herrn Mayer, schnell auf die Intensivpflegestation übernehmen und mit der Rehabilitation beginnen.

Ziel: Entlassung

Ab sofort standen Mobilisation, basale Stimulation und therapeutisches Entblocken auf dem Plan. Fortschritte machte Herr Mayer in kleinem Rahmen. Nach und nach besserte sich die Vigilanz, immer besser tolerierte er die Entblockungsphasen. Die Wochen gingen ins Land. Da Herr Mayer aber sichtbar von der Rehabilitation profitierte, waren wir alle im interdisziplinären Team zufrieden.

Das Ziel war nicht, Herrn Mayer nach Hause zu entlassen. Das war von Anfang an unrealistisch – aber das Ziel ihn zu oralisieren und mit dem Rollstuhl in begrenztem Rahmen zu mobilisieren hatten wir zu Beginn der Therapie, und haben es erreicht.

Besser gesagt: Herr Mayer hat das Ziel erreicht. Zum Ende der Rehabilitation konnte er unter Zusicht alle Konsistenzen zu sich nehmen, saß fast den ganzen Tag im Rollstuhl und konnte mit Hilfe der Klingel Hilfe anfordern und sich mit Zeitschriften, Fernsehen und Musik selbst beschäftigen. Für seine Ausgangslage hatte er eine Menge erreicht.

Suche nach einem Pflegeheim

Die Phase der stationären Therapie ging also dem Ende entgegen. Gesucht wurde ein Platz in einer Pflegeeinrichtung in der Herr Mayer seine wiedererlangte, teilweise Selbständigkeit erhalten und vielleicht sogar ausbauen können sollte.

Ein Heim bekundete sein Interesse – Kapazität war vorhanden – und um sicher zu sein, wurden zwei Pflegekräfte zu uns in die Klinik entsandt, um Herrn Mayer kennen zu lernen und um abzuschätzen, ob er als neuer Bewohner in Frage kommt.

gefangen

Das dicke Ende nach der Entlassung

Soweit also alles wie immer, soweit alles nichts besonderes. Herr Mayer wurde in das Heim entlassen und seinen Platz bei uns übernahm ein neuer Patient – um seine Rehabilitation zu beginnen.

Zwei Wochen später berichtete dann ein Mitarbeiter eines Sanitätshauses über seinen Besuch bei Herrn Mayer. Er war bei ihm, um den von uns verordneten Pflegerollstuhl zu liefern und erlebte eine Überraschung. Das Zimmer von Herrn Mayer lag im dritten Stock – ohne Fahrstuhl, nur mit Treppenlift. Zudem passte der Pflegerollstuhl nicht durch die Tür zu Herrn Mayers Zimmer. So wurde der Rollstuhl im Flur demontiert und im Zimmer wieder zusammengebaut.

Ernsthaft: Herr Mayer ist jetzt in einem Pflegeheim in einem Zimmer eingesperrt, weil der Rollstuhl nicht durch die Tür passt und er eh nicht ins Erdgeschoss und damit nach draußen kann.

Ich stelle mir nun zwei Fragen: Warum ist das den Pflegekräften nicht aufgefallen, als sie Herrn Mayer besucht haben und warum hat so ein Haus eine Zulassung als Pflegeeinrichtung?

Das sind die Momente, in denen ich an anderen zweifle und denke: „das ist nicht zu glauben!“

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