Nachlese Dysphagie-Akademie Hamburg (2/3)

In meiner ersten Nachlese zur Dysphagie-Akademie Hamburg 2012 berichtete ich kurz über einen Beitrag von Prof. Wirth zum Thema Mangelernährung und die Zusammenhänge mit Vorliegen einer Dysphagie.

Dieser zweite Eintrag widmet sich dem Vortrag von Prof. Dziewas, über die diagnostischen Möglichkeiten im klinischen Rahmen.

Ein kleines bisschen wie ein Heimspiel kam es mir vor. Sechs Jahre ist es her, dass ich das Auswerten einer fiberendoskopischen Schluckuntersuchung bei Prof. Dziewas an der UK Münster gelernt habe. Seither ist viel Zeit vergangen, viel geforscht worden. Ich selbst habe das Laryngoskopieren mittlerweile auch praktisch gelernt (bei Dr. J. Murray).

Diagnostik ist wichtig!

Das Problem sei, so Prof. Dziewas, die immer noch unzureichende Diagnostik. Schluckstörungen würden noch oft unerkannt bleiben und dadurch zu eigentlich vermeidbaren Komplikationen führen. Und diese Komplikationen sind im stationären Klinikalltag vor allem: hohe Kosten durch lange Liegezeiten und häufig notwendige Antibiotika-Therapie. Nicht zu vergessen, für die Patienten ein unnötig hohes Risiko für Pneumonien und Mangelernährung. Wir erinnern uns, auf den Zusammenhang von Dysphagien und Mangelernährung hatte Prof. Wirth hingewiesen.

Dabei könnte die Diagnostik so einfach sein. Die Röntgen-Cinamotographie (VFS) existiert schon lange und kann brauchbare Informationen liefern über die Quantität der aspirierten Nahrung und den Ablauf der pharyngealen und ösophagealen Phase. Die Durchführung ist zwar meist aufwendig und eine Auswertung für ungeübte Untersucher schwierig. Allein das Vorhandensein einer bildgebenden Untersuchungsmethode für Schluckstörungen würde daher auch nicht reichen. Es brauche fähige Mitarbeiter, die in der Lage sind, die Bilder zu deuten und die notwendigen Schritte abzuleiten.

Einfacher in der Auswertung sei die fiberendoskopische Schluckuntersuchung. Zudem auch leichter zu lernen und komplikationsloser und weniger belastend für die Patienten.

Hier sieht auch Prof. Dziewas eine Chance für Logopäden: Die Auswertung und auch die Durchführung obliege doch am besten demjenigen, die sich mit der Materie auskennen. Logopäden kennen sich mit dem Schluckakt aus, damit seien sie die am besten qualifizierte Berufsgruppe.

… Aktuell

Ein paar weitere interessante Themen in seinem Vortrag will ich nicht unerwähnt lassen. Schließlich entwickelt sich auch der „therapeutische“ Sektor weiter, stehen immer neue Hilfsmittel für Dysphagie-Patienten zur Verfügung.

Nasensonden fixieren, mal anders

In den Bereich der Gimmicks würde ich die Fixierungsmethode für nasogastrale Sonden sortieren, die gerade erprobt wird. Nasensonden, so weiß jeder, der in der Akutneurologie arbeitet, werden von Patienten immer wieder selbst gezogen. In der Konsequenz muss ein Patient das mehrmalige Legen einer solchen Sonde am Tag über sich ergehen lassen oder wird zum Schutz vor sich selbst mit Gurten so fixiert, dass ein Ziehen an der Sonde nicht mehr möglich ist. Findige Forscher haben aber einen Weg gefunden, eine Schlaufe um die Nasenscheidewand zu legen, an der die nasogastrale Ernährungssonde befestigt werden kann. Ein versehentliches Ziehen ist damit unwahrscheinlicher und ein willkürliches Ziehen resultiert in Schmerzen, die den Patienten von seinem Plan abhalten sollen. Wie gesagt, ich halte das für interessant, aber doch eher ein Gimmick.

Nasensonden legen leicht gemacht

Nicht wirklich neu, aber noch nicht verbreitet genug: die Nasensonde zum einfachen legen. Die Sonde ist dünner und sollte von Therapeuten daher besonders gemocht werden, außerdem ist sie mit einem zweiten Kanal ausgestattet, über den beim Einführen der Sonde eine kleine Menge Kochsalzlösung in den Rachen appliziert werden kann. Der auslösende Schluckreflex hilft beim Vorschieben in den Ösophagus. Falsche Platzierungen und übermäßige Belastung für den Patienten beim Legen lassen sich damit deutlich reduzieren. Voraussetzung ist ein funktionierender Schluckreflex.

Reizstromtherapie im Rachen, von innen

Man weiß, dass Stimulation bei der Reaktivierung der Nerven ein wichtiges therapeutisches Handwerkszeug ist. Viele Bereiche lassen sich mit Taktiken und thermischen Reizen stimulieren, aber der Pharynx verschließt sich dem direkten Zugang.
Eher zufällig sind Forscher auf die Idee gekommen, mit einer Reizstromtherapie auch diesen Bereich zu stimulieren. Und das geht so: transnasal wird eine Sonde in den Rachen vorgeschoben, die an einigen Stellen mit Elektroden ausgestattet ist. Über diese Elektroden können über die Sonde dann die entsprechenden Strukturen im Rachen gereizt werden. Vermutlich effektiver als passive Stimulation, wie wir Logopäden sie regelmäßig einsetzen, aber auch noch ganz am Anfang in der Erforschung der Effektivität. Ich bin gespannt, ob sich das eines Tages einsetzen lässt, wünschen würde ich es mir.

Fazit

Die beiden Vorträge von Wirth und Dziewas waren informativ und in der Summe wirklich gut.

Was noch aussteht, ist meine Nachlese zum Vortrag der Logopädin, aber bisher finde ich keine Worte die zwar wohlwollend, aber ausreichend kritisch sind…

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.